Der geschichtliche Umgang mit Selbstbefriedigung:
Selbstbefriedigung wurde in der Historie fast immer als etwas Negatives gesehen. Eine Ausnahme sind
die Griechen der Antike. Für sie war es eine völlig normale Möglichkeit, um sexuelle
Spannungen abzubauen. Ob auf der Schulbank oder auch in der Öffentlichkeit, ein Aufreger war es nie.
Zu etwas furchtbar Schlimmen wurde die Selbstbefriedigung spätestens im Zeitalter der Aufklärung,
ab Beginn des 18. Jahrhunderts, hochstilisiert. "Onania, oder die erschröckliche Sünde der
Selbstbefleckung" hieß das Buch von Bekkers, welches 1710 erstmals erschien und Onanie zur
Sünde machte. Beeinflusst von einer zu der Zeit verbreiteten Theorie, wonach Menschen immer nur eine
bestimmte Menge an Körpersäften haben, brandmarkte Bekkers den aus der Selbstbefriedigung
entstehenden männlichen Orgasmus als mordgleich, da menschliches Leben hätte erzeugt werden können.
Schnell fand er heraus, dass Onanie für Krankheiten wie Epilepsie und Unfruchtbarkeit verantwortlich
sein müsse. In der Folgezeit erkannten immer mehr Wissenschaftler weitere Auswirkungen der Onanie.
Gehirnaustrocknung, Schädelverformung, geistige und seelische Schäden sind nur eine Auswahl davon.
Was also tun? Keuschheitsgürtel mit Innendornen oder Hände in Säcke waren Maßnahmen der
harmloseren Art. Dieser Glaube mit den genannten Gegenmaßnahmen hielt sich konsequent über die
Jahrzehnte hinweg.
Machen wir einen Sprung ins 20. Jahrhundert. Mittlerweile wurde bereits "erforscht", dass
Selbstbefriedigung sogar zu Tuberkulose und bis in den Tod führen kann. Onanie wird noch über
Jahrzehnte im günstigen Fall als "Ersatzbefriedigung" und "Durchgangsstudium der
Pupertät" bezeichnet. Aber auch Beschreibungen der Selbstbefriedigung als "Laster der
Gesellschaft", "primitivste Form sexueller Befriedigung" oder "schuldhaft" sind
keine Seltenheit. Noch 1970 wird Onanie als zu behandelnde Krankheit empfunden.
Zwischenstopp: Was sagte eigentlich die Kirche zu diesem Thema?
Mit Freuden hat die Kirche dieses Thema nie betrachtet. Nur zu gerne wurde daran festgehalten, dass Onanie
ein Tabu sein sollte, obgleich die Argumentation, es werde Leben verschenkt, schon lange hinfällig
geworden ist. Masturbation sei "eine zumindest schwer ordnungswidrige Handlung" (Papst Paul VI, 1975).
Knappe 20 Jahre später war dann - heidewitzka, jetzt wird es liberal - nur noch die weibliche Onanie
eine sündige Wollust. Die männliche Befriedigung war ein tolerierbares organisches Übel
(Papst Johannes Paul II). Wenn jetzt die Protestanten denken: "Jaja, die Katholiken, natürlich...",
dann soll gesagt sein, dass der Ausdruck der "primitivsten Form sexueller Befriedigung" von
den Protestanten kam. Sie sei ethisch zu verurteilen, da Ziel des Geschlechtsverlangens die intime Vereinigung
der Ehegatten sei.
Zurück in Richtung Gegenwart. Erste Ansätze eines Tabubruchs z.B. der Zeitschrift Bravo wurden
gerügt. Für einen handfesten Skandal sorgte Nina Hagen 1979 in der ORF-Talkshow "Club 2".
Dort führte sie Techniken der weiblichen Selbstbefriedigung vor - der Skandal war Perfekt. Doch in
dieser Zeit erschienen erste Ratgeber, in denen die Masturbation als eine positive Möglichkeit der
sexuellen Befriedigung galt. Über radikalfeministische Parolen gegen Pornos und Wichsen hinweg erkannten
endlich auch Ärzte, dass Selbstbefriedigung kein Problem der Einsamen, und schon gar nicht etwas
Niederträchtiges ist.
Heute sollte man eigentlich davon ausgehen können, dass Masturbation kein Tabu-Thema mehr ist. Leider
wäre dies eine fehlerhafte Annahme. Selbstbefriedigung wird öffentlich noch immer als Lustbefriedigung
derer empfunden, die "keinen Partner/ keine Partnerin abbekommen". Dass aber kaum jemand nicht
masturbiert (siehe unten), scheint dabei - was öffentliche Gespräche etc.
betrifft - auf wundersame Weise außer Acht gelassen. In aktuellen Filmen wird jemand, der masturbiert,
häufig als einsam, "anders" oder als "temporärer Selbstbefriediger" dargestellt.
Im Comedy-Bereich ist Masturbation immer einen Lacher wert.
Aber wer wird sich denn beschweren. Schließlich ist bekannt, dass Selbstbefriedigung hinter vorgehaltener
Hand von vielen praktiziert wird. Und zwar innerhalb und außerhalb von Beziehungen. Es ist kein Anzeichen
für eine gescheiterte Partnerschaft mehr und niemand muss sich schämen, es zu tun.
Obgleich das Thema immer noch als Tabu stigmatisiert ist, gibt es mehr und mehr Bücher etc., die mit
diesem Tabu brechen und die Sache in ihrer Normalität in den Vordergrund stellen. Auch diese Internetseite
soll ein kleiner Beitrag dazu sein, das Tabu aufzulösen.
Literaturempfehlung zum Thema:
Arne Hoffmann: Onanieren für Profis.